BALKAN FÜR ANFÄNGER:
MOTORRADABENTEUER
DURCH EUROPAS SÜDOSTEN
September/Oktober 2022
Von Fernweh und Vorurteilen
"In den Kosovo wollt ihr? Da ist doch Krieg!" Als mein Kollege mir diesen Kommentar nach einem Austausch unserer Urlaubsziele in der Kaffeeküche entgegenschleudert, fehlen mir ausnahmsweise einmal die Worte. Allerdings ist er nicht der Einzige, bei dem sich ob meiner Erläuterung unseres nächstes Motorradtrips tiefe, Skepsis ausdrückende Falten zwischen den Augenbrauen bilden. "Der Balkan" – für viele Deutsche ist dieser blinde Fleck zwischen Lieblingsreiseland Kroatien und Urlaubsparadies Griechenland noch immer mit zahlreichen Vorurteilen über bürgerkriegsähnliche Zustände und schmutzige Kinder, die bettelnd an Autoscheiben klopfen, behaftet.
Für uns ist es hingegen nicht der erste Trip in Europas Südosten. Drei Jahre zuvor waren wir bereits mit dem Wohnmobil in Bosnien und Montenegro unterwegs – und haben uns schockverliebt in die atemberaubenden Gebirgslandschaften der beiden Länder. Eine Rückkehr mit den Motorrädern ist also unvermeidlich!
Inhaltsverzeichnis
- Anreise – Ungeplanter Abstecher an die Ägäis
- Griechenland – Von Mönchen und Meeresbewohnern
- Bosnien und Herzegowina – Kurven jagen in Bosniens Berglandschaft
- Bosnien und Herzegowina – Am Ufer der blauen Neretva
- Montenegro – Hoch über Europas südlichstem Fjord
- Albanien – Alte Berge und neue Freunde
- Albanien – Immer dem Schotte nach
- Kosovo – Partyhauptstadt Prizren
- Kosovo – Motorradfahren verbindet

Lust, die Route nachzufahren, doch du brauchst die GPX-Datei? Dann schreibe mir an mail@jennyzeume.de!
Anreise
Ungeplanter Abstecher an die Ägäis
"Das Leben ist das, was passiert, während man Pläne macht", heißt es. Und was für Lebenspläne gilt, gilt auch auf Reisen. Unser Plan: Von Sarajevo aus mit den Motorrädern durch den Süden Bosniens und Herzegowinas, den Durmitor Nationalpark in Montenegro, die Albanischen Alpen, entlang der albanischen Adriaküste bis nach Prizren im Kosovo zu fahren. Was wir nicht einberechnet haben: Die 80 Liter Regen pro Quadratmeter, die bereits zum Zeitpunkt unserer Anreise in einigen Regionen der Balkanstaaten zu Erdrutschen, Überschwemmungen und Stromausfällen führen – Tendenz laut Wettervorhersage steigend.
Wir sitzen an einer Tankstelle im slowenischen Maribor und sehen uns ratlos an. Der Regen trommelt unerbittlich auf das Dach unseres Autos. Die Motorräder bekommen auf dem Anhänger eine ungewollte Gratiswäsche. Ausnahmsweise reisen wir für diesen Roadtrip nicht auf Motorradachse an, sondern sparen uns die langwierige Transitstrecke von Lüneburg bis nach Bosnien und Herzegowina, um mehr Zeit und Energie fürs Motorradfahren zu haben. Während wir noch überlegen, ob wir die Route anpassen oder wie geplant heute nach Sarajevo fahren sollen, schicken uns unsere niedersächsischen Nachbarn ein Video. Darauf zu sehen: Ihr alter Land Rover Defender, der sich in den Albanischen Alpen durch einen reißenden Fluss und tiefen Schlamm kämpft. Die beiden fahren exakt die Offroadstrecke durch den Theth Nationalpark, die auch wir nehmen wollen, sind uns aber eine Reisewoche voraus.
Das Video gibt den Ausschlag für unsere Entscheidung: Das tun wir uns nicht an! Wir haben trotz allen abenteuerlichen Plänen Urlaub und wollen hier auf dem Balkan Mitte September noch einmal Sonne und Wärme tanken, bevor uns ein trostloser Winter in Deutschland bevorsteht. Wieder zücken wir unsere Smartphones und checken die Wetter-Apps nach den aktuell sonnigsten Ecken Europas. Portugal? Zu weit. Finnland? Schon zu kalt. Und viel zu weit. Harz? Nee, so verzweifelt sind wir noch nicht. "Ha!", tönt mein Mann plötzlich und hält mir triumphierend sein Display vor die Nase. Während der Großteil Griechenlands ebenfalls von blauen Regenwolken verdeckt ist, verspricht eine kleine Ecke im Nordosten des Landes für die nächste Woche Sonne und 25 Grad: Chalkidiki!
Griechenland
Von Mönchen und Meeresbewohnern
Satte 1246 Kilometer errechnet das Navi für die Strecke von Maribor bis zu unserem gewählten Campingplatz an der Ägäis. Die Route führt durch Kroatien, Serbien und Nordmazedonien. Wir wechseln uns beim Fahren ab und erreichen nach mehr als 14 Stunden mitten in der Nacht unser Ziel. Kurzerhand parken wir unser Gespann in einer Parkbucht mit Meerblick, legen unsere Isomatten in den Kofferraum des Ford Mondeo und gönnen uns ein paar Stunden Schlaf, bis die Rezeption des Campingplatzes öffnet.
Die spontane Planänderung stellt sich als grandiose Entscheidung heraus. Während der Rest der Balkanhalbinsel weiter im Starkregen versinkt, erkunden wir in Chalkidiki bei traumhaftem Wetter die kleinen und kurvigen Straßen auf den drei Halbinseln Kassandra, Sithonia und Athos, die immer wieder einen fantastischen Blick auf die unwirklich türkisfarben glitzernde Ägäis erlauben.
Auf Athos wagen wir uns bis an die Grenze der autonomen orthodoxen Mönchsrepublik, in die der Zutritt für Frauen strengstens verboten ist. Für eine Abkühlung halten wir an paradiesischen Stränden und springen ins Meer. Nahe des Schiffswracks bei Epanomi grabe ich mich mit meinen grobstolligen Reifen viel zu tief in den Sand und lerne, dass es in so einem Fall nur noch hilft, das Motorrad umzuschmeißen. Abend für Abend sitzen wir bei köstlichen, frisch gegrillten Sardinen, einigen Gläsern Wein und mit den Füßen im Sand in der kleinen Taverna unseres Campingplatzes, in der Tochter, Mutter und Großmutter gemeinsam kochen. Chalkidiki entpuppt sich nicht nur als sonniger Notfallplan, sondern als echtes griechisches Juwel, das bisher von Hotelbunkern verschont geblieben ist – ein absolutes Muss für Motorradreisende und Camper!
Bosnien und Herzegowina
Kurven jagen in Bosniens Gebirgslandschaft
Nach knapp einer Woche im sonnenverwöhnten Griechenland gibt der Wetterdienst für Europas Südosten Entwarnung. Wir packen Bikes und Zelt zusammen und machen uns nun doch noch auf den Weg nach Sarajevo. Auto und Anhänger stellen wir auf einem gesicherten Gelände ab und verlassen am nächsten Morgen mit gepackten Motorrädern Bosniens Hauptstadt Richtung Süden. Auf kurvigen Nebenstraßen jagen wir durch das Jahorina Gebirge, vorbei an einer beeindruckenden Berglandschaft, die sich jetzt, Ende September, in den hübschesten Gelb-, Orange- und Rottönen zeigt. Der Gebirgszug beginnt am südlichen Stadtrand Sarajevos mit dem Trebević und erstreckt sich rund 30 Kilometer in südöstliche Richtung bis kurz vor Goražde. Es ist Teil des großen Dinarischen Gebirgssystems, das entlang der östlichen Adriaküste verläuft und in den Albanischen Alpen endet.
Der Belag auf Bosniens Bergstraßen wechselt regelmäßig zwischen perfektem Asphalt und übler Schlaglochpiste. Die leicht lebensmüde Fahrweise der Bosnier*innen sorgt für eine Extraportion Adrenalin. Verkehrsregeln dienen hier eher als Empfehlung. Es wird gerast, gehupt und gestikuliert, was das Zeug hält. Gerade bei ausländischen Motorradfahrer*innen ist hier volle Konzentration gefragt.
Während einer kurzen Verschnaufpause auf einem Parkplatz an der M20 kurz vor Foča, von dem wir einen unglaublich schönen Panoramablick haben, schauen wir noch einmal auf die Landkarte. Einen richtigen Plan für die nächsten Tage haben wir nicht. Unser Abstecher an die Ägäis hat unsere Route ganz schön durcheinandergewürfelt. Spontan beschließen mein Mann und ich, noch ein Stück weiter nach Süden Richtung Gacko zu fahren und dann einen scharfen Schlenker nach Westen zu machen, um Bosniens berühmte Stadt Mostar mitzunehmen.
Bosnien und Herzegowina
Am Ufer der blauen Neretva
Noch bevor wir über die Route M6.1 Bosniens Brückenstadt erreichen, erwartet uns eine der größten Quellen Europas. Nur wenige Kilometer vor Mostar entspringt die Buna vor beeindruckender Kulisse: Aus einer Felshöhle zwischen Steilklippen sprudelt der glasklare Fluss hervor, an dessen Ufer ein Derwischkloster aus dem 17. Jahrhundert thront.
"Everyone is welcome here. Please, visit the house", lädt uns ein junger Mann freundlich lächelnd ein, das Gebäude des muslimischen Ordens zu betreten. Vorher bekommen wir noch eine kurze Einweisung in die Kleiderordnung. Für meinen Mann und mich ist es der erste Besuch einer religiösen Stätte des Islam. Beim Anblick meines Aufzugs für die Besichtigung muss Gregor grinsen: In voller Motorradmontur, barfuß und mit einem locker gewickelten Kopftuch betrete ich das Kloster. Die öffentlich zugänglichen Räume des "Tekija Blagaj", wie es auf Bosnisch heißt, sind wenig spektakulär. Die Besonderheit des Gotteshauses liegt in seiner Lage an der Quelle.
Etwa neun Kilometer weiter mündet die Buna in der paradiesisch blauen Neretva – der Lebensader Mostars. Da es in der Stadt vor Touristen nur so wimmelt und wir mit vollem Gepäck unterwegs sind, stellen wir unsere Reiseenduros auf einem bewachten Parkplatz ab. Bei sommerlichen Temperaturen schlendern wir durch das historische Zentrum, trinken starken bosnischen Kaffee, der mit zuckersüßem Lokum serviert wird, und bestaunen vom Minarett der Karađozbeg-Moschee den Blick auf die pittoreske Landschaft.
Die meisten Leute, die schon einmal von der mittelalterlichen Stadt gehört haben, kennen Mostar vor allem aufgrund der weltberühmten Brücke, die den Fluss überspannt. Das 2004 rekonstruierte Baudenkmal stammt ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert und steht für die Verbindung von Islam und Christentum, da sie den muslimisch geprägten Teil der Stadt mit dem christlich geprägten verbindet. Durch ihren rund 19 Meter hohen Scheitelpunkt galt die "Stari Most" (Deutsch: "Alte Brücke") zur ihrer Entstehungszeit als Meisterwerk der Baukunst. Heute stürzen sich todesmutige Sportler*innen von dem UNESCO-Weltkulturerbe: Mostar ist jährlich Austragungsort der Red Bull Cliff Diving World Series.
Montenegro
Hoch über Europas südlichstem Fjord
In den nächsten zwei Tagen schlängeln wir uns durch den Süden Bosniens und Herzegowinas, am Rande des bergigen Durmitor Nationalparks entlang bis in den Norden Albaniens. Aus Zeitgründen lassen wir Kotor dieses Mal links liegen. Die venezianische Küstenstadt an der fjordartig anmutenden Bucht sei jedem empfohlen, der Montenegro bereist. Der historische Stadtkern ist bezaubernd und leider häufig sehr voll, da Kotor auf der Route einiger Kreuzfahrtschiffe liegt. Für Motorradreisende kommt der spannende Part erst beim Verlassen: Südlich der Stadt schraubt sich mit der P1 eine der beeindruckendsten Panoramarouten Europas in schwindelerregenden Serpentinen in die Höhe. Auf der Passhöhe angekommen, erwartet euch ein spektakulärer Ausblick auf die Adriaküste – absolut sehenswert!
Albanien
Alte Berge und neue Freunde
Unser Sonnenbaden in Griechenland fordert langsam seinen Tribut – uns gehen die Urlaubstage aus. Kurz nach der Überquerung der albanischen Grenze müssen wir uns entscheiden, welchen Teil unseres ursprünglichen Plans wir über Bord werfen, damit wir es noch rechtzeitig zurück schaffen. Da unser Strand-Akku dank Chalkidiki bereits ordentlich geladen ist, skippen wir die Albanische Adriaküste und nehmen Kurs auf die Albanischen Alpen.
Wir fahren über die nördliche Route von Koplik aus in den Theth Nationalpark. Die SH21 schlängelt sich mit unzähligen Aussichtspunkten durch das Gebirge auf die bis zu 2694 Meter hohen Gipfel zu. Der Asphalt ist gerade einmal ein paar Monate alt, und (noch) in einem super Zustand. Dafür entpuppt sich die Straße als ziemlich schmal und wir sind froh, nicht in einem großen Wohnmobil unterwegs zu sein. Wir übernachten auf dem Campingplatz Freskia, der von einer albanischen Familie betrieben wird, die gegen einen kleinen Obulus auch für Gäste kocht. Der Sohn, Anfang 20, spricht gut Englisch und übernimmt die Kommunikation mit den Gästen. Beim Einchecken spüren wir zum ersten Mal die Auswirkungen der starken Regenfälle der letzten Woche: Auf dem Platz ist mal wieder der Strom ausgefallen und damit auch das warme Wasser.
Auf eine ziemlich kühle Nacht in den Bergen folgt ein warmer, sonniger Tag, den wir für eine Wanderung zu einer Quelle mit dem Namen "Blue Eye" und ein erfrischendes, aber ziemlich kaltes Bad in einem der unbeschreiblich blauen Bergflüsse nutzen. Auf dem Pfad genießen wir das herrliche Panorama, ärgern uns aber zugleich über die große Menge Müll, den die Touristen auf den Wanderwegen zurückgelassen haben – ein Problem das wir bereits aus Bosnien und Herzegowina kennen, das in Albanien aufgrund des Turbotourismus, den das Land gerade erlebt, aber neue Dimensionen annimmt.
Zurück am Zelt sehen wir, dass wir eine gleichgesinnte Nachbarin bekommen haben. Sabrina (@sabis_travallife) ist mit ihrer Honda CRF 250 Rallye allein auf dem Balkan unterwegs. Wir kommen natürlich sofort ins Gespräch und verabreden, am nächsten Tag gemeinsam die Offroadstrecke nach Shkodra zu fahren.
Albanien
Immer dem Schotter nach
Unter Reiseenduristen, die auch gern mal abseits asphaltierter Straßen fahren, ist der Theth Nationalparknämlich eine Art Mekka. Der namensgebende Ort galt lange als abgelegenstes Dorf Europas, das lediglich mit Geländefahrzeugen über zwei sehr holprige Schotterpisten erreichbar war. Während die Nordroute seit Sommer 2022 komplett asphaltiert ist, ist die Südroute während unserer Reise nach wie vor nur mit geländegängigen Fahrzeugen (oder einer gehörigen Portion Wahnsinn) zu bewältigen.
Auf der rund 60 Kilometer langen Piste kämpfen wir uns über Stock und Stein. Der Schwierigkeitsgrad reicht von festem Schotter über loses Geröll bis hin zu einer kleinen Flussdurchfahrt an einem Wasserfall, bei der Sabrina glatt wegrutscht und sich nicht nur nasse Füße holt. Ich lege mich auch ein paarmal auf die Seite und bin bei jedem Aufrichten meiner schweren Honda neidisch auf Sabis leichte Enduro. Doch nicht nur ich verlasse an diesem Tag mehrfach meine Komfortzone. Meine Transalp kommt in den Albanischen Alpen mehrfach an ihre Grenzen. Vor allem das Fahrwerk des 700er Modells ist für das etwas gröbere Gelände nicht wirklich geeignet. Als Souvenir nimmt "Hannelore" eine tiefe Delle im unteren Bereich des dicken Motorschutzes mit nach Hause. Nur mein Mann rollt völlig relaxt mit seiner Yamaha Ténéré 700 über jede noch so anspruchsvolle Passage und genießt unbeschwert die wirklich traumhafte Landschaft um uns herum.
Nach rund fünf Stunden sind wir ziemlich ausgepowert und freuen uns darauf, bald wieder Asphalt unter die Reifen zu kriegen. Nur wenige Kilometer bevor der Schotter endet, machen wir noch eine Pause. Während wir die schwierigsten Momente der letzten Stunden Revue passieren lassen und uns gegenseitig zu unserer Leistung beglückwünschen, hören wir plötzlich ein Motorengeräusch. Kurz darauf kommt uns ein Mann auf einem 125-Kubik-Roller in Shorts, Flip Flops und ohne Helm entgegen. Er grüßt freundlich – und verschwindet anschließend in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
Kosovo
Feiern in der Partyhauptstadt Prizren
Auf einem Campingplatz am Ufer der Drin verbringen wir einen letzten Abend mit Sabi. Am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege: Für uns geht es weiter in den Kosovo, Sabi bleibt noch ein wenig in Albanien. Wir nehmen die bei Touristen beliebte Autofähre über den Koman-Stausee, der sich auf 34 Kilometern Länge durch eine Schlucht windet. Von Fierzë aus, Endstation der Fähre, fahren wir Richtung Prizren, der nach Einwohnern jüngsten Stadt des Kosovo. Neben der historischen Altstadt und der spannenden Festung, begeistert uns vor allem die coole Barkultur Prizrens. In jeder kleinen Gasse finden wir eine andere einzigartige Kneipe oder einen Pub, in dem es einheimisches Bier, abgefahrene Cocktailkreationen oder hauseigenen Schnaps gibt.
Kosovo
Motorradfahren verbindet
Am nächsten Tag steht mir, beziehungsweise meiner Honda, noch ein Arztbesuch bevor. Während unserer Anreise nach Prizren zeigte meine Transalp nämlich Ermüdungserscheinungen. Wir waren noch keine zehn Kilometer hinter der Grenze, als beim Überholen auf der Landstraße die Kupplung anfing zu rutschen. Unser kleines Offroadabenteuer hatte den schon nicht mehr ganz frischen Reibscheiben den Rest gegeben. Da uns noch eine lange Rückreise nach Sarajevo bevorsteht, mache ich mich also (leicht verkatert) auf die Suche nach der nächsten Motorradwerkstatt. Die Jungs von Moto Meris lassen sofort alles stehen und liegen und schieben meine komplett verdreckte Transalp in die Halle.
Nach nur fünf Stunden kann ich mein Bike wieder abholen – und erkenne es kaum wieder! Hannelore hat nicht nur eine neue Kupplung bekommen, sondern auch ein ausgiebiges Bad in der Waschanlage. Schmunzelnd sehe ich, dass auf dem Tank zwischen all den Erinnerungsstickern ein Moto-Meris-Aufkleber dazugekommen ist. Mit Händen, Füßen, ein paar Brocken Englisch und der Hilfe eines Nachbarn, der Deutsch spricht, schnacken wir noch ein wenig mit dem Besitzer der Werkstatt. Meris ist natürlich selbst begeisterter Motorradfahrer und erzählt, dass er für sein Leben gern einmal in den österreichischen Alpen fahren würde. Als Kosovare sei das allerdings gar nicht so leicht, denn man müsse ein teures Visum für den Schengenraum beantragen, das teilweise erst Jahre später ausgestellt wird. Mittlerweile hat sich die Lange zum Glück geändert. Seit dem 1. Januar 2024 dürfen Kosovar*innen visumsfrei in die Schengen-Länder einreisen. Einmal mehr wird meinem Mann und mit bewusst, wie privilegiert wir eigentlich sind, so reisen zu können wie wir es tun – auch in den Kosovo.
Die besten Spots zum Essen, Trinken, Schlafen auf der Reise
Camping ist für uns die schönste und geselligste Art, auf Reisen zu übernachten. In den meisten Fällen bieten gut gewählte Campingplätze uns nicht nur einen fantastischen Ausblick und gute Landesküche, sondern auch spannende Bekanntschaften. Und doch bestätigen Ausnahmen bekanntlich die Regel. Den Großteil der drei Wochen haben wir im Zelt geschlafen. Ausgenommen die Transitübernachtungen in Tschechien und Slowenien sowie zwei Nächte in Sarajevo und zwei Nächte im Zentrum von Prizren. Die Campingplätze sind in den meisten Fällen (Chalkidiki eingeschlossen) deutlich kleiner, rustikaler und dadurch aus meiner Sicht auch charmanter als man es aus Deutschland kennt. Gerade in Bosnien und Albanien sind sie sehr familiär und werden oft von Menschen betrieben, die auf dem gleichen Grundstück wohnen. Dass die Familie abends gegen einen absolut fairen Preis für die Gäste mitkocht, ist keine Seltenheit. Im Gegenzug sollte man lernen, mit Hocktoiletten, Stromkabeln in der Dusche und schiefen Hütten, die kein deutsches Bauamt je abnehmen würde, klarzukommen.
Kulinarisch hat der Balkan zwar einige leckere Gerichte wie den Schopska-Salat zu bieten, kann mit der vielseitigen Küche Griechenlands allerdings nicht mithalten. Wir haben trotz allem immer lecker und frisch gegessen – auch an Ständen mit Streetfood. Als Vegetarier*in oder gar Veganer*in ist man allerdings aufgeschmissen. Fleisch und Fisch sind Grundzutaten in der Balkanküche. Da ich kein großer Fan von sehr fleischlastigen Gerichten wie dem Nationalgericht vieler ehemaliger Jugoslawien-Staaten Ćevapčići bin, habe ich mich meist für die zweite Variante entschieden. Besonders in den Bergregionen werden oft Forellen in Restaurants angeboten, die lebendig in Käfigen im Fluss gehalten und erst zur Zubereitung aus dem Wasser geholt werden. Frischer geht es nicht!
Sunny Bay Camping und Beach Bar (Griechenland)
- sehr schöne und rustikale Strandbar auf Chalkidikis mittlerer Halbinsel Sithonia
- der angrenzende Campingplatz (sehr rustikale Sanitäranlagen, dafür perfekte Lage), auf dem wir übernachtet haben, ist laut Google Maps dauerhaft geschlossen, die Homepage ist allerdings noch aktiv
- das Essen in der dazugehörigen Taverna war phänomenal und hat (neben Klassikern wie Auberginencreme, griechischem Salat mit Feta und selbstgemachtem Tzatziki) täglich frisch gefangene Meeresfrüchte und Fisch angeboten, zubereitet von Oma, Mama und Tochter
- Metamorfosi 630 88, Griechenland, www.campingsunnybay.gr
Altstadt von Sarajevo (Bosnien und Herzegowina)
- historisches Zentrum von Sarajevo besteht aus einem christlich und einem muslimisch geprägten Teil (etwa die Hälfte der Bevölkerung Bosnien und Herzegowinas gehört dem Islam an, die andere Hälfte dem orthodoxen und römisch-katholischen Christentum sowie ein kleiner Teil dem Judentum)
- Place-to-be für Liebhaber von Ćevapčići
Lukomir (Bosnien und Herzegowina)
- Bosniens höchste Siedlung im Bjelašnica-Gebirge auf 1455 m Höhe, etwa 40 km südlich von Sarajevo
- Straße nach Lukomir ist eine einfach zu fahrende Schotterpiste durch eine traumhaft schöne Gebirgslandschaft (auch für Pkw befahrbar, Foto siehe Startbild des Artikels)
Bunaquelle und Islamisches Kloster Tekija Blagaj (Bosnien und Herzegowina)
- eine der größten Flussquellen Europas an einer steilen Felswand
- am Rand der Quelle steht ein Derwischkloster aus dem 17. Jahrhundert, das besichtigt werden kann (mit Rücksicht auf die Kleiderordnung, die auch in Moscheen gilt: Schultern, Arme und Beine bedeckt, Schuhe aus und für Frauen ein lockeres Kopftuch)
- 7W43+V7H, Blagaj bb, 88000, Bosnien und Herzegowina, www.tekijablagaj.ba
Altstadt von Mostar und Karađozbeg-Moschee (Bosnien und Herzegowina)
- Bosniens bekannteste Stadt am Ufer der tiefblauen Neretva
- berühmte Steinbrücke und mittelalterliche Altstadt mit zahlreichen Restaurants und Cafés (unbedingt den typischen starken bosnischen Kaffee mit Zucker probieren)
- toller Ausblick vom Minarett der großen Karađozbeg-Moschee
- 8RR7+GHJ, Braće Fejića, Mostar 88000, Bosnien und Herzegowina, www.islamskazajednica.ba
Kotor und Durmitor Nationalpark (Montenegro)
- Von der wunderschönen venezianisch anmutenden Küstenstadt Kotor in Montenegro führt die Panoramaroute P1 in engen Serpentinen hoch über die zerklüftete Bucht Kotors und weiter in den Durmitor Nationalpark
- Traumhafte Gebirgsregion im Norden des Landes mit kleinen und verwinkelten Straßen und urigen Hinterhofcafés
Camping Freskia (Albanien)
- einfacher Platz mit rudimentären Sanitäranlagen mitten in den Albanischen Alpen
- Familienbetrieb mit eigener Viehzucht
- Mama kocht auf Wunsch für die Gäste. Bei kaltem Wetter wird in der Stube bei loderndem Kamin gegessen. Frühstück mit selbstgemachte Pancakes und Käse
- Theth, Albanien (Plus Code für Google Maps: CQ34+4G Theth, Albanien), www.pitchup.com/campsite/camping-freskia
Blue Eye Kaprre (Albanien)
- traumhaft schöne, tiefblaue Quelle in den Albanischen Alpen, zu der ein sehr schöner Wanderweg führt
- Baden erlaubt, aber kalt
- Theth, Albanien (Plus Code für Google Maps: 9P7W+RW Kaprre e Gimajve, Albanien)
Agora Farmhouse Camping (Albanien)
- hübscher Campingplatz am Ufer der Drin
- sehr schönes Restaurant mit köstlichem regionalen Fisch
- Vau Dejës-Koman bei km 12, Albanien, www.agorafarmhouse.com/contact/
Fahrt auf dem Koman-Stausee (Albanien)
- Autofähre von Koman bis nach Fierzë über einen 34 km langen Stausee durch eine atemberaubende Schlucht
- Tickets vor Ort erhältlich
- Komani Lake, 4R5G+CGG Koman, Shkodër 5319, Albanien, https://shalarivertrip.com
Streifzug durch Prizren und Besichtigung der Festung (Kosovo)
- Prizren gilt als jüngste Stadt des Kosovo und bietet jede Menge coole und moderne Bars und Restaurants
- Von der sehenswerten Festung Prizren hat man einen tollen Blick auf die Stadt
- 6P5W+W73, Prizren 20000, www.prizrenfortress.com
Was man als Motorradreisende*r über die Balkanländer wissen sollte
Wer sich den Balkan als zurückgebliebene Ansammlungen von Dörfern vorstellt, ist selbst ein wenig von gestern. In den ländlichen Gebieten sind die Unterschiede zu Westeuropa zwar etwas deutlicher zu spüren, doch auch hier tut sich viel. Wir hatten für die Reise drei Wochen Zeit, davon gingen drei Tage für die Anreise, zwei Tage für die Heimfahrt und ein Tag für den Transit zwischen Griechenland und Sarajevo drauf.
Wichtiger Hinweis für Bosnien und Herzegowina: Die Schilder, die in ländlichen Regionen und Naturschutzgebieten vor Minen warnen, sind keine übertriebene Vorsicht, sondern ernst gemeint! Bosnien hat selbst Jahrzehnte nach den Jugoslawien-Kriegen immer noch Probleme mit nicht detonierten Minen im ganzen Land. Rund um die Entschärfung und Entsorgung der Landminen spinnt sich ein lange währender Konflikt um Korruption und politische Einflussnahme.
Welche Dokumente brauche ich?
Die Privilegien einer Deutschen Staatsangehörigkeit werden in den Balkanstaaten mal wieder deutlich: Für keins der von uns bereisten Länder benötigt man einen Reisepass oder ein Visum. Der Personalausweis und die Grüne Versicherungskarte sind ausreichend für die Einreise.
Was muss ich beim Fahren auf dem Balkan beachten?
Die Hauptrouten sind in allen von uns durchreisten Ländern gut ausgebaut und teilweise besser und neuer als so manche Landstraße in Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen. Die kleinen Nebenrouten halten dagegen einige Überraschungen bereit. Tiefe Schlaglöcher, verengte Fahrbahnen, abgebrochene Straßenränder und viel zu schnell fahrende Lkw sind Normalität. Schotterpisten gelten in sehr abgelegenen Gegenden als normale Verbindungsstraßen, werden aber zunehmend asphaltiert. Tankstellen sind in ausreichender Dichte vorhanden, unsere Reservekanister haben wir voll wieder nach Hause gefahren. Bevor man in Regionen mit wenig Infrastruktur wie Theth fährt, sollte man natürlich volltanken. Das gilt aber für jedes europäische Land. Zur Fahrweise: Die meisten Griech*innen, Bosnier*innen, Montenegriner*innen, Albanier*innen und Kosovar*innen sehen Verkehrsregeln eher als Empfehlung denn als Gesetz. Knappes Überholen, Hupen und zu hohe Geschwindigkeiten sind an der Tagesordnung. Getoppt werden sie meiner Meinung nach nur noch von Italiener*innen.
Hinweis zur Anfahrt nach Theth: Die Nordroute von Koplik nach Theth ist seit Sommer 2022 komplett und gut asphaltiert. Die Südroute zwischen Theth und Shkodra (beides Teil des Trans Euro Trail TET) gilt als Eldorado für Offroadfahrer*innen. Auch hier wurde damals gebaut, um die ersten Meter von Theth aus nach Süden zu asphaltieren. Den aktuellen Stand kenne ich nicht. Im Herbst 2022 war die Strecke für zweispurige Geländefahrzeuge, leichte Enduros und große Reiseenduros befahrbar. Etwas Erfahrung abseits asphaltierter Straßen und ein anständiges Fahrwerk sind sinnvoll. Reinen Straßenfahrern rate ich davon ab, diese Route zu nehmen. Für mich als Offroad-Einsteigerin war die Strecke machbar, aber sehr herausfordernd.
Hinweis zum Fahren im Kosovo: Der Kosovo erkennt die Grüne Versicherungskarte nicht an. Um legal fahren zu dürfen, muss man an der Grenze für rund 15 Euro (gültig für den ganzen Monat, Stand 2022) eine Haftpflichtversicherung fürs Motorrad abschließen.
Wie zahle ich auf so einer Reise?
In Griechenland, Montenegro und dem Kosovo wird offiziell mit Euro gezahlt. Montenegro und Kosovo sind zwar keine EU-Staaten, nutzen die Währung aber dennoch als Zahlungsmittel. Die Gründe hierfür sind kompliziert und haben viel mit der politischen Situation der Balkanstaaten vor, während und nach den Jugoslawienkriegen zu tun. In Bosnien ist die Konvertible Mark – die an den Euro gekoppelt ist – offizielles Zahlungsmittel. In den meisten Restaurants und Ticketshops kann man auch problemlos in Euro zahlen. Oft stehen die Preise sogar zusätzlich in Euro dabei. Kartenzahlung ist in allen vier Ländern fast überall möglich. Nur in Albanien sollte man ernsthaft Geld wechseln und Albanische Lek in bar dabeihaben. Den Campingplatz in Theth und auch an einer Tankstelle kurz vor Shkodra konnten wir nicht mit Karte bezahlen.
Wie bekomme ich mobiles Internet?
Die meisten Mobilfunkanbieter haben spezielle Ländergruppen fürs Roaming. Bei meinem Anbieter T-Mobile gehören Albanien, Kosovo, Montenegro und Bosnien und Herzegowina zur Ländergruppe 2. Ein Monatsabo (SurfPass L) für all diese Länder hat mich einmalig um die 30 Euro gekostet. Damit hatte ich den ganzen Urlaub lang 12 GB Datenvolumen und die gleichen Bedingungen in Sachen Mobilfunknetz wie in meinem Vertrag. Die Buchung habe ich nach der Einreise in Bosnien über die Standard-SMS vorgenommen, die man nach jeder Grenzüberquerung bekommt – super easy! Empfang zu bekommen ist ebenfalls kein Problem und funktioniert teilweise besser als in Deutschland (Stichwort Funklöcher in Berlin und Hamburg – in den Hauptstädten hier undenkbar).
Wann ist die beste Reisezeit?
Im Frühjahr und Herbst sind die Temperaturen zum Motorradfahren in Europas Südosten sehr angenehm und ein wenig wärmer als in Deutschland. In den Gebirgsregionen Albaniens kann es Anfang Oktober nachts mit einstelligen Plusgraden schon recht kühl werden. Im Hochsommer wäre es mir zu heiß – besonders im Hinblick auf die schweißtreibenden Offroadpassagen, die wir gefahren sind. Wir sind von Mitte September bis Anfang Oktober durch die Region gereist und hatten einen herrlichen goldenen Herbst mit viel Sonne, bunten Wäldern und warmen Temperaturen um die 20 bis 25 Grad. Absolut empfehlenswert!








































